Argumente für eine Ernährungswende

Ethik

Das Leid fühlender, intelligenter und sozialer Lebewesen in der industriellen Tierhaltung ist überwältigend. Gravierende Missstände in der Produktion tierischer Lebensmittel (Fleisch, Eier und Milchprodukte) sind nicht die Ausnahme, sondern wesentlicher Bestandteil des Systems. Die betäubungslose Kastration von Ferkeln, das Kupieren von Schwänzen, Kastenstände, Lebendtiertransporte, Fehlbetäubungen beim Schlachtvorgang sind nur einige Beispiele systematischer Verstöße gegen unser Tierschutzgesetz („Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen“) und gegen fundamentale ethische Grundsätze. Pro Jahr werden weltweit 60-150 Milliarden Tiere für den menschlichen Verzehr getötet.

Die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in der deutschen Fleischindustrie sind mit den Grundsätzen einer humanen Gesellschaft nicht vereinbar. Die meist aus Osteuropa stammenden Schlachthofarbeiter*innen leben eine Art Schattendasein. Über Werkverträge beschäftigt, werden vom gesetzlichen Mindestlohn überhöhte Kosten für Massenunterkünfte, Fahrten zur Arbeitsstätte oder Arbeitsbekleidung abgezogen. Statt 40 Stunden wird nicht selten 60 Stunden die Woche gearbeitet.

Weltweit stünden 70% mehr Kalorien zur Verfügung, würden wir das Getreide, das wir für die Fleisch- und Milchproduktion an Tiere verfüttern, direkt für den menschlichen Verzehr nutzen. Damit könnten 4 Milliarden Menschen mehr ernährt werden. Es hungern auf dieser Welt 821 Millionen Menschen. Bei einer rasant wachsenden Weltbevölkerung gefährdet der hohe Konsum tierischer Lebensmittel die globale Ernährungssicherheit.

Umwelt- und Klimaschutz

Die industrielle Tierhaltung trägt stärker zum Klimawandel bei als der gesamte globale Verkehrssektor. Sie gehört weltweit mit zwischen 14,5 und 18 Prozent der Treibhausgasemissionen (einige Schätzungen liegen sogar noch deutlich höher) zu den Hauptverursachern der globalen Erwärmung. Gleichzeitig verschlingt sie Agrarflächen für den Anbau von Futter für die Tiere, belastet die Böden mit Monokulturen, dem Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden und produziert Verkehr.

In Europa werden etwa 70% der Agrarflächen für den Anbau von Futter genutzt. Für 100 Kalorien an Nutzpflanzen, die an Tiere verfüttert werden, statt Menschen zu ernähren, erhalten wir durchschnittlich nur 17 bis 30 Kalorien als Fleisch zurück. Die Fleischproduktion ist daher höchst ineffizient und enorm Ressourcen verschwendend.

In der industriellen Tierhaltung werden überall auf der Weelt riesige Mengen an Sojamehl verfüttert. Über 90 Prozent der weltweiten Soja-Produktion landet in Futtertrögen. Sojaanbau ist neben der Gewinnung von Weideflächen für die Fleischproduktion eine der Hauptursachen für die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes. Expert*innen gehen davon aus, dass der Amazonas eine Schlüsselrolle für das Weltklima einnimmt und seine Zerstörung irreversible Kettenreaktionen auslösen kann.

In der industriellen Tierhaltung werden enorme Mengen an Wasser benötigt, um Futterpflanzen anzubauen. Die Zugabe von Stickstoff als Dünger belastet Böden, Wasser und Luft. Die dadurch resultierenden Treibhausgase belasten das Klima. Stickstoffe, die ins Futter gelangen, werden von den Tieren wieder ausgeschieden und verunreinigen Flüsse, Grundwasser und Trinkwasserquellen. Sie gelangen bis an die Küsten, wo sie die aquatischen und marinen Ökosysteme zerstören.

Die industrielle Tierhaltung verursacht riesige Mengen an Ammoniak, das sich mit anderen Schadgasen zu Feinstaub umwandelt. In Europa macht dies 40-60 Prozent der gesamten Feinstaub-Masse in der Luft aus. Und das sowohl in den Städten als auf dem Land.

Gesundheit

Die Art und Weise, wie wir uns ernähren hat enorme Auswirkungen auf unsere Gesundheit. In Deutschland werden im Durchschnitt pro Person und Jahr 60 kg Fleisch konsumiert. Das liegt weit über den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für eine gesunde und nachhaltige Ernährung.

Durch den Überkonsum tierischer Lebensmittel werden verschiedene Erkrankungen, wie Nieren- und Leberschädigungen, koronare Herzerkrankungen, Typ-2-Diabetes, Übergewicht und einige Krebsformen begünstigt. Selbst bei einem kompletten Verzicht auf tierische Proteine kann der Körper über pflanzliche Lebensmittel ausreichend Protein aufnehmen.

Menschen, die rotes und verarbeitetes Fleisch mehr als viermal die Woche verzehren, haben ein 20% höheres Risiko an Darmkrebs zu erkranken. In Europa und den USA ist der Konsum von rotem Fleisch 300-600% höher als die Empfehlungen der Expert*innen für Gesundheit.

Eine Ernährungsweise, die reich an pflanzlichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst, Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Nüssen sowie Vollkornprodukten ist, fördert die Gesundheit. Besonders positiv auf zahlreiche Stoffwechselprozesse wirken sich dabei die sekundären Pflanzenstoffe aus.

Ein weiteres Risiko für die menschliche Gesundheit ist die industrielle Tierhaltung selbst. Durch die hohen Gaben von Antibiotika an die Tiere werden Antibiotikaresistenzen beim Menschen immer wahrscheinlicher. Im Jahr 2018 starben in Europa 33.000 Menschen durch multiresistente Erreger. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt bereits vor einer „Post-Antibiotika-Ära“. Derzeit heilbare Krankheiten werden dann wieder lebensgefährlich.

Und 75% der neuen Infektionskrankheiten, wie Covid-19, werden vom Tier auf den Menschen übertragen (sogenannte Zoonosen). Virolog*innen betrachten die Zustände in der industriellen Tierhaltung als „tickende Zeitbombe“ und sehen es nur als eine Frage der Zeit, wann die nächste Zoonose ausbricht.