Ohne Fleisch ist der Mann (k)ein Mann

Ohne Fleisch ist der Mann kein „richtiger Mann“ möchte MANN meinen. In Deutschland sind nur etwa 29% der Vegetarier männlich und unter den Veganer*innen sind es gerade mal 19%. Frauen sind zudem grundsätzlich kritischer gegenüber industrieller Tierhaltung, stellen sich häufiger gegen Tierversuche, sprechen sich öfter positiv gegenüber Tierschutzbewegungen aus und sind insgesamt deutlich betroffener, wenn es um Tierleid geht.

In den sozialen Medien brüsten sich „echte Männer“ gerne damit, wie sie sich täglich ihr blutiges Steak einverleiben und für die meisten Männer ist auch im 21. Jahrhundert, mit Alternativen im Überfluss, ein Essen ohne Fleisch kein „richtiges“ Essen. Das Phänomen, dass Männer deutlich mehr tierische Lebensmittel konsumieren als Frauen, besteht übrigens weltweit.

Selbst Männer, die sich aktiv im Umwelt- und Klimaschutz engagieren, verfallen in Anbetracht der katastrophalen Folgen des Konsums tierischer Lebensmittel für Umwelt, Klima, Gesundheit und Tiere sowie der Tatsache, dass eine wachsende Weltbevölkerung langfristig nicht in dieser Form ernährt werden kann, in Tiraden der Rechtfertigung. Oder MANN verdrängt das unangenehme Thema und widmet sich lieber technischen Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel, wie dem neuen E-Auto oder der Photovoltaik-Anlage auf dem heimischen Dach. Mit dem persönlichen Konsum möchte MANN sich nicht auseinandersetzen.

Männer leugnen Tierleid eher als Frauen, glauben häufiger, dass Tiere hierarchisch unterhalb des Menschen stehen und rechtfertigen ihren Fleischkonsum öfter mit religiösen oder gesundheitlichen Gründen.

Die Tatsache, dass gerade konservative und rechtsgerichtete Männer, mit ihrer Begeisterung für hierarchische Strukturen, Autoritarismus und soziale Dominanz (auch gegenüber Tieren), Fleischkonsum oftmals geradezu frenetisch feiern, hindert den linksorientierten Mann, der sich sonst vehement von diesen abgrenzt, nicht daran fast ebenso leidenschaftlich, wenn auch etwas leiser, für sein Recht auf Fleisch („Dann halt Bio“) einzutreten.

Woher kommt die mangelnde Begeisterung der meisten Männer für Tierrechte und Vegetarismus/Veganismus?

Es lohnt ein Blick auf das gesellschaftliche Konstrukt von Männlichkeit in einer patriarchal strukturierten und geprägten Gesellschaft. Die Verbindung von Virilität und Fleisch wird beispielsweise in der Werbung oder in mancher Netflix-Serie deutlich, wo besonders gerne rotes Fleisch als Symbol für den idealen Mann mit seiner besonderen Muskelkraft und Stärke zelebriert wird. Der umwerfend attraktive Typ am Grill eben, während in Wirklichkeit der hohe Fleischkonsum Männer spätestens ab dem mittleren Alter gar nicht gut aussehen lässt.

Tiere werden sexualisiert und feminisiert. Frauenkörper werden vielfach animalisiert. Da wirbt beispielsweise die Metzgerei von Nebenan für „Schweinebäckchen“ mit einem rosa Schwein, dass sich fröhlich die Wangen pudert und Frauenkörper werden in Musikvideos als Tiere inszeniert oder finden sich in sexualisierten Arrangements mit Tieren wieder.

Sowohl die Frau als auch das Tier werden zum Objekt männlicher Begierde. Ein echter Mann nimmt sich das Recht auf beides – sein Steak und die Frau. Viele Männer würden für sich den Zusammenhang von sich weisen, doch leben wir nun mal alle in dieser Kultur und werden nachhaltig, oftmals unbewusst, durch sie geprägt.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Fleisch immer im Zusammenhang mit männlicher Macht und Dominanz stand. Herrscher bekamen Fleisch, während sich das einfache „Fußvolk“ von Kohlenhydraten ernähren musste. Selbst im letzten Jahrhundert wurde in ärmeren Familien noch stets dem Mann im Haus das Fleisch serviert, während für Frau und Kinder nur die Reste übrigblieben. Und Soldaten wurden mit Extra-Rationen Fleisch auf Kriege vorbereitet.

Es ist an der Zeit, dass sich der moderne Mann kritisch mit dem Konsum von tierischen Lebensmitteln auseinandersetzt. Für Umwelt, Klima, Gesundheit und die Tiere. Darüber hinaus geht es um ein neues Verständnis von Männlichkeit. Mannsein, das nicht auf Dominanz und Unterdrückung beruht. Fleisch wäre damit als Symbol hinfällig. Es gibt bereits Männer, die Männlichkeit neu definiert haben und den stetigen Wandel nicht mit einem verzweifelten Biss in einen Burger beantworten müssen.

Literatur

Adams, C. J. (2015). The sexual politics of meat: A feminist-vegetarian critical theory. Bloomsbury Publishing USA.

Pfeiler, T. M. (2019). Psychologische Aspekte des Mensch-Tier-Verhältnisses. Am Beispiel des Fleischkonsums. In E. Diehl & J. Tuider (Eds.), Haben Tiere Rechte? Aspekte und Dimensionen der Mensch-Tier-Beziehung. Schriftenreihe Band 10450 / Bundeszentrale für Politische Bildung.

Rothgerber, H. (2013). Real men don’t eat (vegetable) quiche: Masculinity and the justification of meat consumption. Psychology of Men & Masculinity, 14(4), 363.